Sonntag, 4. Oktober 2009

Der neue Mensch - Ein Weg vom Erlösungsmythos über die Utopie zur Prognose



Die Schöpfungsgeschichte des neuen Menschen war bis heute eine Geschichte des Scheiterns vieler Schöpfer.

Keiner der totalitären Ideologien, weder dem Kommunismus, noch dem Faschismus ist es gelungen, diese Utopie der Wirklichkeit näher zu bringen. Und am Ende jedes Versuchs sind Millionen Unschuldiger auf dem Altar des neuen Menschen geopfert worden.

Da wo Stalin, Mussolini und Hitler versagt haben, schicken sich nun Chirurgen, Pharmakologen und Ingenieure an, natürlich fern jeder Ideologie, wenn schon nicht den vollkommen Menschen von Morgen zu schaffen, so doch den Menschen von heute fortlaufend zu verbessern. Schon jetzt lassen Prothesen, Implantate und Medikamente Menschen schneller, höher und weiter gehen als je zuvor. Grenzen dieser neuen Bewegung erscheinen nur mehr als mit der Zeit technisch lösbare Probleme.

Hat dieses Optmierungsprojekt des Menschen an seiner eigenen Natur einen Zielpunkt? Wenn ja, wo liegt er?

Telepolis verkürzt die Arbeit an einem besseren Menschen auf ihre Notwendigkeit zur Erfüllung der stetig wachsendenen Ansprüche einer produktivitätsbesessenen Gesellschaft an den Einzelnen. Sicher ist das Fakt, aber erst in den letzten beiden Absätzen richtet der Autor seine Analyse auf des Pudels wahren Kern.

Das Ziel der Verbesserung des Menschen liegt jenseits seiner selbst und seiner Natur und wird nur durch ihre Überwindung erreicht.

Die Grenze zur Utopie die Stalin, Mussolini und Hitler radikal und gewaltsam zu durchbrechen suchten, wollen die Menschenmacher von heute wie steter Tropfen aushöhlen, auflösen, erodieren. Aus der Schöpfung des neuen Menschen wird so der Versuch seiner von sich selbst gesteuerten Evolution.

Und auch nach dem so gern geleugneten ideologischen Überbau der postmodernen Humantechnokratie muss man bei Licht betrachtet, nicht lange suchen. Mögen sie sich auch zeitgeistgerecht Transhumanisten nennen, Ihr Erlösungsmythos von der Überwindung des Menschen durch sich selbst hat einen uralten und durch und durch metaphysischen Ursprung: Der spirituelle Todfeind alles Diesseitigen, die Gnosis.




Sonntag, 20. September 2009

Die christliche Missionierung des Cyberspace - Chance oder Falle?



Oberflächlich kann man den Aufruf des Papstes zur Missionierung des Internet und solche Versuche der Transzendierung religiösen Erlebens in den virtuellen Raum der selben Motivation zusprechen und als gleichwertig betrachten.

Zweifel ist angebracht, der Hinweis auf Teilhard de Chardin und seine Noosphäre kommt nicht von ungefähr, wird im Telepolis-Text aber im entscheidenden Bedeutungsaspekt nicht erfasst.

Papst Benedikt geht es bei allen Initiativen rund um den Welttag der sozialen Kommunikationsmittel immer um die Schaffung eines Rückbezugs der virtuellen Kommunikation auf das reale Leben der christlichen Gemeinschaft im weltlichen Raum. Die virtuelle Ebene soll das Gemeindeleben ergänzen, ja stärken. Sie kann und darf es nicht ersetzen.

Genau hier liegt der Bruch mit der virtuellen Gemeinde in Second Life. Auch hier folgt die Kirche zwar dem Menschen in die Virtualität, aber diesmal gibt es kein Zurück.  So sehr sich die Initiatoren des Projekts auch dagegen verwahren mögen, das von ihnen geschaffene Abbild ist prinzipiell von seinem Original unabhängig, ein Rückbezug auf die weltliche Wirklichkeit ist nur noch möglich, nicht mehr notwendig.

Letzte Konsequenz dieser Transzendierung der religiösen Erfahrung ist die Noosphäre von Teilhard de Chardin. Nach ihm löst sich das menschliche Bewusstsein am Ende seiner evolutionären Vervollkommnung in einem alles Leben umfassenden Weltbewusstsein auf.

Der Cyberspace als christlicher Himmel auf Erden? Nein.

Auch wenn de Chardin innerhalb christlicher Begriffe argumentiert, In seiner spirituellen Evolutionstheorie werden letztendlich alle religiösen, alle christlichen, alle menschlichen Begriffe überwunden. Der Mensch in der Noosphäre als höchste Form von Transzendenz, ist selbst Noosphäre, ist nicht mehr Mensch.

Jede Weltanschauung, die den lebendigen Menschen in seiner weltlichen Wirklichkeit bejaht, muss sich solchen Bewegungen widersetzen, statt ihnen zu folgen.




Sonntag, 13. September 2009

Walter Mixa und Wolfgang Huber - Christentum und Aufklärung zwischen Glaubenskrieg und Ökumene

http://www.uni-marburg.de/aktuelles/news/2007/0628z/image_preview
Walter Mixa und Wolfgang Huber. Zwei prominente Christen, zwei Konfessionen, zwei gegensätzliche Standpunkte im Konflikt zwischen Religion und Aufklärung.

Walter Mixa kultiviert seine Rolle als flammender Glaubenskrieger für die römische-katholische Kirche. Aus seiner Perspektive, muss der Exodus der Gläubigen gegen die Zugkraft der Aufklärung mit allen verfügbaren Mitteln aufgehalten werden. Das erlaubt offensichtlich auch die bewusste Verfälschung historischer Zusammenhänge. Mixa unterstellt, die Diktatur des Nationalsozialismus sei ein im Kern atheistisches Regime gewesen und diese Gottlosigkeit sei die wahre Ursache für seine im Holocaust gipfelnde Menschenverachtung und Grausamkeit.

Gleichzeitig erhebt er die christliche Religiosität zur absoluten Bedingung für ein friedliches, menschliches Miteinander.

Beide Behauptungen sind nicht haltbar.

Müßig aufzuzählen, in wie vielen Schlachten, wie viele Menschen im Namen christlicher Nächstenliebe geschlachtet wurden.

Und dass der deutsche Nationalsozialismus ohne Gott und ohne Glauben gewesen wäre, hat der Historiker Franz Wegener in seinen Arbeiten zur "Religion des Nationalsozialismus" umfassend widerlegt.

Ja, das Regime war in seinem Handeln von einem religiös tiefen Glauben durchdrungen, von dem Glauben an den sich selbst zum Gott erhebenden Menschen in gnostischer Tradition.

Aufklärung schließt Menschlichkeit nicht aus.
Menschlichkeit wird nicht von Religiösität bedingt.

Mixa kämpft die falschen Schlachten, an den falschen Fronten.

Wolfgang Huber ist mit seinem Blick auf Christentum und Aufklärung 300 Jahre weiter und damit in der Gegenwart angekommen, mit Perspektive auf die Zukunft.

Er erkennt an, dass mit christlichem Schöpfungsglauben und aufgeklärter Naturwissenschaft, zwei Wirklichkeiten nebeneinander bestehen, die sich gegenseitig nicht ausschließen dürfen, nur ergänzen können.

Diese zu schaffende Synthese eines aufgeklärten Christentums will Huber verteidigen, gegen Fundamentalismus jeder Richtung, der beide, Aufklärung und Christentum vernichten will.

Das Hubers konstruktive Zukunftsperspektive gegen Mixas Kreuzzug im medialen Abseits bleibt, mag ihn vor den Angriffen innerkirchlicher Fundamentalisten schützen, sie fehlt umso schmerzhafter in der öffentlichen Debatte um die humane Gesellschaft von Morgen.



Sonntag, 6. September 2009

Der Bibel Code - Kabbalah von der mystischen Informatik über den mathematischen Irrtum zum publizistischen Betrugsfall


Warum in dieser Dokumentation über Michael Drosins Bibelcode der offensichtliche Bezug zur mystischen Tradition der jüdischen Kabbala nicht ein einziges Mal erwähnt wird, ist nicht nachvollziehbar. Selbst der Wikipedia-Eintrag zum Bibelcode erkennt diesen wichtigen Zusammenhang als solchen an.

Nur wenn bewusst wird, dass in der Entstehung des Bibelcodes über 50 Jahre lang, nicht nur Rabbiner, sondern ausgewiesene rationale Naturwissenschaftler und veritable, investigative Publizisten eindeutig in uralter, gnostischer Tradition, verborgene Warheiten im Text der Thora mit den Ritualen kabbalistischer Wortmagie suchten, erst dann wird die Bedeutung des Bibelcodes als Replikator gnostischer Meme klar.

Nur wenn diese Bedeutung klar ist, kann die Wirkmacht dieses Buches qualitativ richtig eingeschätzt werden.

Es geht dabei nicht um die Anerkennung und Bestätigung innerhalb der akademischen Gemeinschaft. Mag das für die Wissenschaftler Rips und Witztum noch Motiv gewesen sein, spätestens Drosning suchte vorrangig den publizistischen Erfolg.

Es geht ebenso nicht um die Diskussion der kriminellen Energie des Autors.

Alarmierend ist vielmehr; keiner der Beteiligten scheint einen Widerspruch seines theoretisch rationalen Anspruchs zu seiner kabbalistisch gnostischen Praxis zu sehen.

Damit kann die Gnosis seit vorchristlichen Zeiten über den Bibelcode ein weiteres Mal zum unreflektierten medialen Popkult mutieren.

Diese Reflektion auch in der professionellen Kritik nicht nachzuholen, verstärkt nur die Wirkmacht dieses Kultes.



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