09 September 2006

Radtour 2006, die ersten Bilder!





Gerade habe ich die ersten Fotos von unserer Tour auf mein flickr Konto hoch geladen! Weitere werden folgen!

Have a lot of fun!

Ja. die Tour ist zuende. Ab jetzt beginnt der Prozess, innerhalb dessen die Erinnerung daran immer schöner werden wird.

Ab jetzt werden sich meine Einträge wieder mehr um meine anderen Leidenschaften jenseits meines Trikes drehen. Erwartet also einiges über neue KDE Entwicklungen, Literatur-, Film- und Musik-Kritiken und meinen periodisch auftretetenden kulturpessimistischen Wutausbruch.

Nochmals Danke für alle bisherigen Kommentare! Marion, ich bin stolz auf Dein Lob und es motiviert mich, Dich auch weiterhin gut zu unterhalten!

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06 September 2006

Radtour 2006, 03. bis 06. September, Kilometer 804, tentstation Berlin

Wie versprochen, mit Verzögerung, meine Eindrücke der letzten Tage in Berlin, auf unserer großen Radtour 2006. Mein nächster Eintrag wird wieder aus Mainz kommen.

Dirk und ich haben uns einen Teil des Verlaufs der Berliner Mauer erradelt. Wir standen am Grenzübergang Bornholmer Straße. Als Folge eines Lesefehlers des ZK-Mitglieds Günter Schabowski begann hier am 9. November 1989 die Öffnung und letztlich der Fall der Mauer. Noch 4 Jahre vorher war die evangelische Versöhnungs-Kirche auf Befehl der SED-Führung gesprengt worden. Heute führt an beiden Orten ein Radweg vorbei. Ein Radweg an der Mauer.

Dirk und ich gehören zu einer Generation, die mit der real existierenden Mauer, mit einem real existierenden, sozialistischen Staat dahinter, aufgewachsen ist. Ich habe in diesem Staat sogar real existierenden Urlaub gemacht. Deutschland war geteilt und würde es bleiben, das schien ebenso traurig wie sicher. Dirk und ich sind zu alt, als dass wir diese gefühlte Gewissheit in unserer Lebenszeit noch vergessen könnten, ebenso wenig wie unseren Schock, als die Mauer dann doch fiel.

Die Generationen, mit denen wir heute leben, bauen Radwege durch die Mahnmale der Erinnerung und kommende Generationen werden zu diesen Erinnerungen keinen stärkeren Bezug aufbauen können, als wir jetzt zu den Gedenkstätten des 1. Weltkrieges noch übrig haben. Ein kollektives Gedächtnis abstrahiert und vergißt erlebte Erinnerung. Kein kollektives Gedächtnis kann über Generationen hinweg durch abstrahierte Erinnerung dauerhaft geprägt werden.

Das Holocaust Mahnmal in Berlin ist eine Abstraktion der Erinnerung erlebten, millionenfachen Grauens und soll das Grauen über diese Abstrakion jüngeren Generationen vermitteln. Auch wenn das Stehlenfeld als architektonisches Kunstwerk gelungen ist, der in ihm ausgedrückte Anspruch scheitert. Da ist nur eine Abstraktion ohne Bezugspunkt. Eine Attraktion vor der sich unschuldig ausgelassene Schulklassen lachend fotographieren lassen, wie vor dem neusten Hard Rock Café . Ein Schicksal, dass dem New Yorker "Ground Zero" auch bevorsteht. Im Gegensatz dazu, schafft eine über einen Lampenschirm gespannte Menschenhaut, ausgestellt in der Gedenkstätte des KZ Ravensbrück, durch bloße Anschauung einen eindeutigen Bezug zum Leid des Holocaust. Sofort. Immer. Für jede Generation.

Kein Versuch einer Überleitung. Die Begehung der Kuppel des Bundestagsgebäudes schafft das Gefühl der entspannten Inbesitznahme der Macht durch den Souverän Volk. Aber schützt dieses Ritual nicht viel mehr die Macht der Volksvertreter, indem es den Souverän an ihnen vorbei, in luftige Höhe entrückt? Erschreckend, die monumentale Leere und Verlassenheit des Regierungsviertels, die Monströsität des Kanzleramts. "Erleuchtete Stadt", Brasilia mitten im lebendigen Berlin. So sehr Berlin im gefühlten Manhattan des Potsdamer Platzes und im Charisma der Kieze mit roher, urbaner Vitalität pulst; hier ist es nur Hünengrab der Macht.

IFA 2006. Phillips baut die besten HDTV-Bildschirme. Nein, Samsung. Nein, Loewe. Blue-Ray Disc löst DVD ab. Nein, HD-DVD. Nein, Blue Ray. Möchten Sie ein kostenloses Mouse-Pad? Nein, ich hätte lieber eine Überraschung. Dirk sagt, uns wurde nur der Elektronik-Schrott von morgen vorgeführt. Gut, Schrott vielleicht erst übermorgen, aber morgen sicher schon Auslaufmodelle. Weder Blue Ray Disc, noch HD-DVD wird sich gegen das Internet als Speichermedium durchsetzen.

Mein Bruder Bernard und ich. Gemeinsam als Produkte des selben Vaters. Getrennt als Produkte der eigenen Verantwortung. Spiegelverkehrte Charaktere und doch nicht minder Spiegelungen des anderen. Auf der einen Seite, absolute Ratio mit dem ebenso ignoranten, wie intoleranten Anspruch auf objektive Sicht der Welt. Auf der anderen Seite, Ratio als Mittel zum Zweck eines absoluten Triebes, immer in der Gewissheit, dass Objektivität nicht möglich ist und nur Zweifel bleibt.

Auf beiden Seiten aggressive Gier nach Leben, Gier nach Neuem, Gier nach Wahrhaftigkeit. Und ein böses Grinsen für alle Lügner.

Gespräche mit meinem Bruder sind lohnende Anstrengungen.

Bernard hält mir meinen, wie seinen Spiegel vor. Er bietet mir klare Stanpunkte, die ich ebenso annehmen, wie mich dagegen stemmen kann. Mein Bruder macht mir meine letzten Konsequenzen klar. Mein Bruder bringt mich weiter. Danke für Deine Zeit, Bernard! Gut, dass es Dich gibt.

Berlin hat meinen Kopf wiederbelebt, die Tour um die mecklenburgische Seenplatte, meine Muskeln. Ich habe mal wieder den schweren Weg zu mir zurück überwunden. Genauso sicher, werde ich mich wieder von mir selbst entfernen müssen. Aber der nächste Urlaub kommt bestimmt.

05 September 2006

Radtour 2006, Kilometer 780, tentstation Berlin

Berliner Tage gehen bis in die Nacht denn Berlin steht unter Strom. Mein Handy hat leider fast keinen mehr und ich war in den letzten Nächten auch zu erschöpft um noch was zu schreiben. Bitte habt Geduld! Meine abschließende Bilanz unserer Tage in Berlin folgt in Kürze.

02 September 2006

Radtour 2006, Kilometer 687, tentstation Berlin

"Dickes B,
oben an der Spree,
Im Sommer tust Du gut
und im Winter tut 's weh..."

Ja, wir sind in Berlin angekommen! Und überraschend macht das dicke B für unseren Empfang einen auf Sommer, so heiß wie selten auf der Tour. Auch hier fügen wir unserer Sammlung bewustseinserweiternder Zeltplätze ein weiteres Unikum hinzu. Wir machen Station im tentstation, www.tentstation.de

Das tentstation ist ein stillgelegtes Freibad in Berlin. Als während der Planung für die Fussball-WM 2006 klar wurde, dass die zu erwartende Nachfrage nach billigen Schlafplätzen von den berliner Hotels nicht beantwortet würde, kamen ein paar junge Leute auf die Idee, aus dem Freibad einen Zeltplatz zu machen. Und so steht unser Zelt jetzt mit vielen anderen auf der Badetuch-Wiese, im Nichtschwimmer-Becken liegt ein Beach-Volleyball-Feld und auf der Zuschauer-Tribüne des Sport-Beckens wurde eine Bar eröffnet. Die Atmosphäre ist prima und wir wünschen diesem Projekt eine erfolgreiche Zukunft. Bis jetzt hat der Erfolg erreicht, dass das tentstation bis zum 30. September 2006 geöffnet bleibt.

Zu unseren ersten Eindrücken von Berlin gehört, neben dem Schloßpark Charlottenburg und dem deutschen Bundestag, der zum neuen Hauptbahnhof Berlins erweiterte Lehrter Bahnhof. Hier folgt das von der Deutschen Bahn propagierte Konzept der Verschmelzung von Verkehr und Kommerz seiner letzten Konsequenz: Wege, Menschen, Informationen, Bedürfnisse und Güter treffen gebündelt aufeinander,tauschen sich aus und verlassen den Knotenpunkt wieder als ein Vielfaches der Summe ihrer Teile. Dies geschiet in logistisch und architektonisch beeindruckenden Dimensionen aus Stahl und Glas, die einer nationalen Hauptstadt würdig sind. Das Konzept funktioniert so gut, dass es meine Hoffnung für den Buchhandel zurück gebracht hat. Gerade habe ich mir im bahnhofseigenen Virgin-Store "Der dunkle Schirm" von Philip K. Dick gekauft.

Morgen sehe ich meinen in Berlin lebenden Bruder Bernard nach langer Pause wieder. Ich bin sehr gespannt...

sent with Palm Treo 650

01 September 2006

Radtour 2006, 626 Kilometer , Jugendg�stehaus Friedrichsthal bei Oranjenburg

Ahoi Marion,

Danke für Dein Lob! Das hebt das Selbstwertgefühl.

Deine tägliche Radweg-Leistung ist mindestens genauso viel wert, wie meine. Jeder von uns beiden überwindet täglich die körperlichen Grenzen, die er von Geburt an mit bekommen hat. Du motivierst mich deshalb genauso, wie umgekehrt.

Eine neue Etappe und das schöne Wetter ist genauso schnell fort, wie es gekommen war. Stundenlang mit zusammengebissenen Zähnen durch fiesen Niesel. Und dann, 40 Kilometer später, gerade als wir unseren Bungalow am Jugendgästehaus in Friedrichstal erreichen, kommt die Sonne wieder durch. Gnnnnnn...

Der Fernradwanderweg Berlin - Kopenhagen bietet zwar bis jetzt kaum die sportlichen Offroad-Herausforderungen des Radwanderwegs Mecklenburgische Seenplatte, schlägt diesen aber deutlich in Qualität und Komfort der Wegstrecke. Selten habe ich auf dieser Tour das Geschwindigkeitspotential meines Trikes so weit ausreizen können. Ein echter Allrounder. Freude am Fahren, auch ohne BMW.

Noch was zu dem, was Marion über Science-Fiction sagt. Ein Erklärungsversuch: Unser Interesse an Science-Fiction nimmt in dem Maße ab, in dem unsere Gegenwart immer schneller in unsere Zukunft hinein beschleunigt und so empfunden mit ihr verschmilzt. Nehmen wir einen Science-Fiction Leser aus den Achtziger Jahren des 19. Jahrhundert, der Geburtsstunde des Genres. Wenn er Geschichten über die Zukunft las, so lag diese Zukunft für ihn noch in unereichbarer Ferne. Er konnte von ihr träumen, gleich ob das nun Hoffnungen oder Ängste waren.
Wenn wir heute Geschichten über unsere Zukunft lesen, können diese schon Übermorgen von unserer Gegenwart eigeholt sein. Vor 20 Jahren hatte ich meinen ersten Commodore 64 Computer. Netzwerkverbindungen: Keine. Vor 13 Jahren ging ich mit meinem damaligen PC zum ersten Mal ins Internet. Heute tippe ich diese Zeilen in ein mobiles Smartphone und sobald ich "Senden" drücke, sind sie weltweit veröffentlicht. An diesem Punkt der Beschleunigung wäre der Kreislauf unseres Lesers aus 1885 kollabiert. Der Leser von heute ist ausgelastet mit den Veränderungen und Herausforderungen seiner Gegenwart. Warum als Buch kaufen, was man in der Tagesschau sehen kann? Und wie reagieren die Autoren? William Gibson und Bruce Sterling, die gemeinsam mit Cyberpunk die letzte Innovation der Science-Fiction mitbegründeten, unterhalten inzwischen beide erfolgreiche Blogs und schreiben regelmäßig Kolumnen in WIRED dem Kult-Magazin für gelebte Zukunft. Denn wie erklärte WIRED so gern: "The future is now!"