18 September 2010

Was kann Jesus von Google lernen?


Bemerkenswert. Man schreibt immer wieder gegen das Ignorieren der wechselseitigen Beeinflussung von Religion und Informationstechnologie an. Immer wieder versucht man hinzuweisen, wo immer das Mem Glaube erfolgreich elektronische Kommunikationsmittel als Träger benutzt, um Menschen als neue Wirte zu erobern, sich in ihnen zu verwurzeln und über sie immer weiter zu verbreiten. Man schreibt als jemand, der sich selbst, bei einem noch so großen eigenen Bedürfnis nach jenseitigem Sinn, immer neu als Teil einer an der Vernunft ausgerichteten Kultur und Gemeinschaft bestimmt.

Doch gerade diese Gemeinschaft der kritisch-analytischen Rationalisten mag genau diese Botschaft nicht hören.

 Informationstechnologien sind ihre heimlichen Fahnenträger im Krieg gegen die Unvernunft. Sie wachen an der Front zwischen Glaube und Wissen. Es scheint, die rationalen Wissenschaften brauchen dieses Bollwerk gegen alles Irrationale heute nur noch zwingend, um ihren Status Quo davor noch in Sicherheit wiegen zu können. Offensiven sehen anders aus. Von diesem defensiven Standpunkt, wird aus den Informationstechnologien ein, welche Ironie, heiliges Tabu. Allein die Möglichkeit, sie von den Verteidigern der Vernunft, in die Agenten der Esotherik umdeuten zu können, stellt alles in Frage. Also darf sie nicht gedacht werden.

In dieser Leugnung liegt die tragische Kapitulation der Vernunft als Sinnstifter für das Leben im Hier und Jetzt. Der Konflikt mit dem Jenseitigen, der, wenn nicht ganz geleugnet, so zumindest als längst gewonnen und beendet verkündet wird, ist erst dadurch wehrlos verloren gegeben. Indem sich die Vernunft ihrer eigenen Unbesiegbarkeit versichert, wirft sie ihre Waffen erst vor die Füße des Feindes.

Es gehört zur Natur eigener Tabus, dass man sie nicht offenen benennt. Statt dessen werden sie hinter den unterstellten Tabus der Gegenseite versteckt. Was kann Jesus von Google lernen? Das darf man nicht fragen! Das verletzt religiöse Gefühle. Wirklich?

Entlarvt werden solche Lebenslügen der Political Correctness von Texten wie diesem. Gerade die, deren religöse Gefühle davon verletzt seien sollten, greifen aktiv nach dem Vergleich von Google mit Jesus, ziehen daraus Schlüsse, wie man ein 2000 Jahre altes Mem fit für die Infizierung des 21. Jahrhunderts machen kann.

Google braucht kein teures Marketing. Es wächst durch die die Verbreitung seiner frohen Botschaft von Bekehrtem zu Bekehrtem. Das Google Evangelium? Warum nicht?

Google hat ein Bekenntnis. Don't be evil. Es gelobt Wahrhaftigkeit, Rechtschaffenheit, Es ist fähig zur Reue. Googles Gebote? Warum nicht?

Google hat keine zufriedenen Kunden, sondern begeisterte Fans. Mission durch Begeisterung? Warum nicht?

Google ist keine Kathedrale, sondern ein Gemeindebrunnen, ein Treffpunkt für alle Gleichgesinnten, ohne Ansicht von Stand, moralischer, oder politischer Anschauung. Die Gemeinde Google? warum nicht?

Nochmal im Klartext: Hier erklärt ein US-amerikanischer, evangelikaler Seelsorger die elektronische Kommunikationsplattform Google zum Vorbild für christliche Gemeinde- und Missionsarbeit der Gegenwart und Zukunft. Mit entwaffnendem Pragmatismus bekennt sich Religion hier zu ihrer Rolle als Teilnehmer am freien Markt der Meme, im harten Verdrängungswettbewerb um die Hirne und Herzen der Menschen. Das ist nicht neu. Religion hat sich in ihrer Entwicklung immer an den Medien der Zeit orientiert und diese ohne Tabus zu ihrer eigenen Verbreitung genutzt. Auch heute ,wie schon so oft, hinkt der Klerus seinen Laien in der Anwendung dieser Techniken der Gegenwart um Jahrzehnte (Jahrhunderte?) hinterher. Ein Prozess der gegenseitigen Entfremdung der nie ohne Spannung blieb, manches Mal in Spaltung endete. Wäre die Reformation ohne die Technologie des Buchdrucks möglich gewesen? Wirklich erstaunlich aber ist, dass aus dem Lager der rationalen Wissenschaft, dem memetischen Fressfeind der Religion, keine Antwort mehr auf diesen memetischen Evolutionsdruck kommt, nur noch Sprach- und Alternativlosigkeit.

Die Tabus sind gebrochen. Der Konflikt ist da. Wer fängt an?

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